Reisen mit Kindern
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Der Miniterrorist und die Mitreisenden

kopfstand

„Da müssen Sie sich halt woanders hinsetzen“ höre ich den Bahnmitarbeiter im ICE zwischen Hamburg und Kassel-Wilhelmshöhe zu einem Fahrgast sagen, der unerkannt irgendwo in meinem Rücken sitzt. Grund für den Unmut des Fahrgastes ist mein dreijähriger Sohn, der gerade ziemlich müde und überdreht ist und aber auch so gar keine Lust auf Zugfahren hat.

Die üblichen Ablenkungsmanöver scheitern. Der Fahrtproviant ist bereits verzehrt, malen will Alex nicht und selbst auf eine Kapitän-Holzbein-Geschichte hat er im Moment keine Lust. Alex ist jetzt auf Krawall gebürstet und im ganzen Abteil nicht zu überhören. Gebetsmühlenartig ermahne ich mein Kind, sich hinzusetzen und BITTE etwas leiser zu sein. Ein in diesem Moment hoffnungsloses Unterfangen. Der sich gestört fühlende Fahrgast zeigt sich ob der Reaktion des Bahnmitarbeiters empört. Schließlich hatte er in seiner Beschwerde noch darauf hingewiesen, dass er auch Kinder habe und einiges gewohnt sei. Völlig entgeistert entgegnet er auf die Reaktion des Bahnmitarbeiters „Aber ich habe hier reserviert.“ Antwort „Ja, dann müssen Sie jetzt wohl damit klarkommen. Für die anderen scheint es ja auch kein Problem zu sein“. Schweigen. Ich drehe mich nicht um, um in das Gesicht desjenigen Menschen zu blicken, der seiner Entrüstung da Luft gemacht hat. Irgendwie hat er ja recht. Gleichzeitig macht mich das Ganze wütend. Es ist nun nicht so, dass ich zu Alex gesagt habe „schrei schön laut und tob wie wild umher“. Und – auch wenn mich sein Verhalten in diesem Moment kolossal nervt- er ist drei Jahre alt. Die anderen Fahrgäste um uns herum nehmen es gelassener. Ich bin trotzdem froh, als wir in Kassel aus dem Zug aussteigen.

Ich habe zwei gesunde und lebhafte Kinder, die auch mal laut werden und nicht immer das machen, was Helmut oder ich ihnen sagen. Und das schlaucht auch uns manchmal ganz schön. Im Vergleich zu anderen Kindern fallen meine Kinder jetzt aber auch nicht durch besondere Lautstärke oder besonders rüpelhaftes Verhalten auf. Es gibt, wie bei den meisten Kindern, Tage an denen sie geradezu brav sind und andere, an denen es ein großes Wutgebrüll nach sich zieht, dass ich die Wurstscheiben zu dick oder wahlweise zu dünn geschnitten habe.

Es kommt auch auf Reisen immer wieder mal zu Momenten, wie auf der beschriebenen Zugfahrt. So kommt es vor, dass sich im Flugzeug der Hintermann beschwert, dass das Kind von dem man glaubte, es spiele auf dem Boden nur mit seinen Spielsachen, mitteilt, dass seine Schuhe soeben in das Spiel mit einbezogen wurden und noch ganz freundlich anfragt, ob man das vielleicht mal abstellen könnte. Passkontrollen an Flughäfen sind beliebte Orte, um sich auf den Boden zu schmeißen und den Eltern zu verkünden, dass man jetzt nicht mehr weitergeht.

Das oberste Gebot heißt:Ruhe bewahren ! Einatmen-ausatmen-lächeln-falls erforderlich bei Mitreisenden entschuldigen und dann in aller Ruhe versuchen, das Kind zu beruhigen. Funktioniert nicht immer, aber es bringt auch nichts, sich selbst auch noch aufzuspulen. Außerdem führe man sich vor Augen, dass diese Situationen nicht durch das Reisen mit Kindern entstehen. Sie sind Alltagsgeschäft. So kann bereits ein Besuch des heimischen Supermarktes mit Kind zum gefühlten Horrortrip ausarten.

Ich versuche außerdem, nicht zu streng zu meinen Mitmenschen zu sein. Klar nehme ich meine Kinder jederzeit in Schutz, aber ich kann auch verstehen, wenn sich manch einer auch mal durch Geschrei und Getobe gestört fühlt und genervt ist.

Die gute Nachricht ist, dass sich meine Kinder und die Mitreisenden meist recht gut verstehen und es manchmal sogar die Mitreisenden sind, die die Situation retten. Wenn es langweilig ist, dann haben diese fremden Menschen den Reiz des Neuen und Unbekannten. Es ist dabei immer wieder erstaunlich, welche Dialoge zwischen dem kleinen Alex und Menschen, die er noch nie zuvor gesehen hat, entstehen. Unsere persönlichen Helden in dieser Hinsicht waren in diesem Jahr während unseres Januarurlaubes in der Türkei drei Rentner, die mit Alex auf dem Spielplatz waren, mit ihm Lieder gesungen haben usw. Alex war seinerseits so angetan von dem Trio, dass er sich nahezu mustergültig verhalten hat- ach ja, was haben wir doch für liebe Kinder.

Gegenseitige Toleranz ist der Schlüssel zum Erfolg. Leben und leben lassen. Kinder haben ein Recht sich zu entfalten, die Mitreisenden einen verständlichen Wunsch nach Entspannung. Und die Eltern: wollen sich einfach mal nicht schlecht fühlen müssen, weil das Gebrüll des Nachwuchses die gesamte Umgebung beschallt.

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