Eltern werden
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Sie haben den errechneten Geburtstermin überschritten

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Lena von familienleicht.de hat gerade zur Blogparade zum Thema „Wurde dein Kind am VET geboren ? (Zum aktuellen Schiedsspruch der Ausschlusskriterien für Hausgeburten) aufgerufen. In ihrem sehr lesenswerten Artikel macht sie auf die immer schwieriger werdende Situation der Hebammen in Deutschland aufmerksam und geht insbesondere auf einen Schiedsspruch ein, wonach Hausgeburten nicht mehr durchgeführt werden sollen, wenn der errechnete Termin mehr als drei Tage verstrichen ist.

Ich habe dies zum Anlass genommen, andere geplante Beiträge zurückzustellen um mich selbst mit der Frage zu beschäftigen, wie eine solche zeitliche Grenze auf mich als Mutter wirkt und daran zurückzudenken, wie es in meinen Schwangerschaften war. Ich löse mich dabei in meinen Überlegungen von den Themen Hausgeburt und der Dreitagesgrenze und stelle mir die allgemeinere Frage, wie ich es fände, wenn weitere Restriktionen für den Zeitraum des Zuwartens nach dem errechneten Termin eingeführt werden sollten.

Um es vorweg zu nehmen: Meine  Kinder wurden beide nach dem errechneten Termin geboren. Bei Alex waren es zwei Wochen bis es mit der Geburt losging. Bei Emmy mussten wir eine Woche warten. Ich witzele immer und sage: „Das dritte Kind kommt termingerecht.“

Der errechnete Termin, der im Mutterpass eingetragen und für die Berechnung der Mutterschutzfristen bescheinigt wird, ist ein Datum, dass sich im Kopf aller, die den Tag kennen, festsetzt. Und obwohl dieser Termin von so vielen Faktoren abhängt und die Erfahrung zeigt, dass die wenigsten Kinder eine Punktlandung hinlegen, wird ihm doch soviel Bedeutung beigemessen. Viele Eltern geben diesen Termin längst nicht mehr bekannt. Sie befürchten, ab Erreichen dieses Tages von allen Seiten permanent gefragt zu werden, ob das Kind denn nun endlich da ist.

Ich hätte es eigentlich ahnen müssen. Ich selbst kam bereits Wochen zu spät auf die Welt und meine Mutter hatte schon keine Lust mehr, das Haus zu verlassen, um nicht von wirklich jedem auf ihre weiterhin andauernde Schwangerschaft angesprochen zu werden. Gleichwohl war der errechnete Termin in der ersten Schwangerschaft für mich noch ein magisches Datum. Ich war tatsächlich kurz davon überzeugt, dass mein Kind genau an diesem Tag das Licht der Welt erblicken würde. Erste Verunsicherungen traten ein, als der errechnete Termin auf meinen 32. Geburtstag korrigiert wurde. Scheinbar hatte ich aber noch nichts kapiert und überlegte tatsächlich, wie es nun sein würde, wenn mein Kind jedes Jahr mit mir gemeinsam Geburtstag hätte.

Ich habe die erste Schwangerschaft  einerseits als große Freude, aber auch als Zeit großer Verunsicherung erlebt. Es schien unendlich viele Dinge zu geben, die man falsch machen konnte. Rückblickend kann ich da nur schmunzeln. Eine letztlich glückliche Fügung war der eigentlich nicht erfreuliche Verdacht auf eine Schwangerschaftsvergiftung, der mich zu einem dreitägigen Krankenhausaufenthalt zwang. Es mehrten sich die Zweifel, ob ich tatsächlich mein Kind in einem Krankenhaus zur Welt bringen wollen würde. Vom Krankenhaus ging es direkt ins Geburtshaus, wo ich Helmut und mich für einen Wochenendgeburtsvorbereitungskurs angemeldet hatte. Den Samstag hatten wir bereits verpasst, aber den Sonntag wollte ich unbedingt noch mitmachen. Welch ein Glück ! Ziemlich spontan fiel die Entscheidung, dass unser Kind im Geburtshaus zur Welt kommen würde. Mir gefiel die herzliche, fast familiäre Atmosphäre und die Aussicht, bei der Geburt eine Hebamme an meiner Seite zu haben, die ich nicht gerade zum allerersten Mal sah.

Wir meldeten unser Interesse an und wurden in der Folgezeit umfassend über Möglichkeiten und Risiken aufgeklärt. Letzte Zweifel waren schnell ausgeräumt. Es wurde klargestellt, dass unter bestimmten Voraussetzungen die Geburt im Geburtshaus nicht durchgeführt werden konnte und dass unter der Geburt bei Komplikationen notfalls verlegt würde. Ich nahm nunmehr die notwendigen Kontrollbesuche abwechselnd bei meiner Frauenärztin und im Geburtshaus wahr und lernte nach und nach das gesamte Team kennen. Nach der Entscheidung für das Geburtshaus war zwar immer noch alles neu, aber irgendwie war ich auch beruhigter. Der errechnete Termin näherte sich und ich dachte immer noch darüber nach, ob es nun tatsächlich dieser Tag sein würde.

Helmut und ich hatten gerade den Umzug in die gemeinsame Wohnung hinter uns gebracht und ein zauberhaftes Kinderzimmer eingerichtet. Fehlte nur noch der Bewohner. Der Tag der Tage verlief ereignislos. Keine Wehen in Sicht. Das war auch so eine spannende Frage: woran merke ich, dass es Wehen sind ? Man hört oft, dass man es merkt, wenn es welche sind und rückblickend kann ich dies für meine Person unterschreiben.

Die ersten Tage nach dem errechneten Termin war ich noch relativ entspannt. Je näher das Ende des 14-Tages-Zeitraums rückte, bis zu welchem ich im Geburtshaus würde entbinden können, desto verkrampfter und nervöser wurde ich. Ich wollte partout nicht ins Krankenhaus. Alex hatte aber noch lange keine Lust, sich auf den Weg zu machen und ließ uns warten. Ich muss sagen, dass ich zeitweilig aggressiv auf den Spruch reagierte, dass das Kind selbst weiß, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Ich bewegte mich viel, wir gingen indisch essen, ich trank irgendeinen abartigen Tee – härtere Mittel lehnte ich ab. Der Ablauf der Schonfrist nahte und noch immer kein Ende in Sicht. Wir fuhren noch mal ins Geburtshaus und ich bekam einen Wehencocktail kredenzt, der trotz Pfirsicharoma nicht wirklich nach mehr schmeckte. Zunächst wieder Fehlanzeige.

Gerade rechtzeitig ging es dann aber doch noch los. In der Nacht wurden wir von einer der Hebammen zuhause abgeholt und fuhren gemeinsam ins Geburtshaus. Dort folgte die Ernüchterung : Stillstand- es ging nicht voran. Prognose: Verlegung ins Krankenhaus am Morgen.  So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Am Morgen dann Erleichterung: es ging weiter, ich durfte bleiben. Nach zahlreichen schweißtreibenden Stunden – in denen ich sicherlich nicht zu allen Beteiligten nett war – hat Alex am frühen Nachmittag erstmals seine Stimme ertönen lassen. Es war wunderschön, die Geburt, die erst sehr zögerlich verlief, in einer so angenehmen Atmosphäre mit so wunderbaren Menschen erlebt zu haben. Anderen Ortes hätte man dem Kinde sicherlich mit anderen Mitteln auf die Sprünge geholfen. Nach wenigen Stunden durften wir Alex mit zu uns nach Hause nehmen und ich war froh, nicht noch mehrere Tage getrennt vom Rest der Familie verbringen zu müssen, sondern gleich in meine gewohnte Umgebung zurückkehren zu können.

Die Schwangerschaft mit Emmy lief entspannter ab. Ich ging nicht mehr so dogmatisch an die Dinge heran. Es war diesmal von Anfang an klar, dass die Geburt wieder im Geburtshaus stattfinden sollte. Emmy war von Beginn an nicht eben klein und das war von außen auch gut zu sehen. Dies verleitete zu dem Gedanken, dass es diesmal nicht so lange dauern würde. Aber auch Emmy hatte es nicht eilig und trat nicht zum errechneten Termin in Erscheinung. Ich war nicht ganz so verspannt wie bei Alex, hatte aber auch diesmal die Sorge, ins Krankenhaus zu müssen. Eine Woche nach dem errechneten Termin ereilte mich zuhause ein Blasensprung und Wehen, die bei mir den Gedanken aufkommen ließen, ob dies nun eine ungeplante Hausgeburt werden würde. Wir haben es dann doch noch bis ins Geburtshaus geschafft und die Geburt ging zwar viel schneller vonstatten als bei Alex aber nicht so schnell, wie zwischenzeitlich gedacht. Wer einmal unter Wehen bergab über Kopfsteinpflaster gefahren ist, weiß,  wovon ich spreche. Wunderbar umsorgt verließen wir nach drei Stunden das Geburtshaus um nach Hause zum gemeinsamen Frühstück mit der Restfamilie zu fahren.

Ich bin ein ungeduldiger Mensch – schon immer gewesen. Das Überschreiten des errechneten Termins war eine schwere Geduldsprobe für mich. Ich denke aber, dass was dran ist, dass die Kinder wissen, wann es an der Zeit ist, auf die Welt zu kommen. In der Zeit zwischen dem errechneten Termin und der Geburt wurde das Wohl des ungeborenen Kindes gewissenhaft überwacht. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass das Überschreiten des Termins meinem Kind schaden würde. Insoweit war ich voller Zuversicht, vielmehr stand mir die erwähnte Ungeduld im Wege.

Ich denke daher, dass,  je kürzer der Zeitraum ist, den man Frau und Kind lässt, um den Zeitpunkt für die Geburt zu finden, desto mehr Druck entsteht bei allen Beteiligten und dass es gerade dieses negative Gefühl ist, dass sich auf Mutter und Kind und deren Wohl -um das es ja schließlich geht- auswirken kann. Zudem berücksichtigen diesen Grenzen viel zu wenig die Umstände des Einzelfalls. Im Mittelpunkt sollte stehen, dass es Mutter und Kind gut geht und dass ihnen eine harmonische Geburt ermöglicht wird. Diese Freiheit endet, wo das Wohl von Mutter und Kind gefährdet sind. Dies kann jedoch nach meinem Dafürhalten nicht an Überschreiten des Tages 3 nach errechnetem Termin festgemacht werden.

6 Kommentare

  1. So wie Du das Geburtshaus beschreibst, hört es sich nach unseren Krankenhaus an – allerdings ohne OP mit fünf Minuten Reaktionszeit für den Notfall. Dort führen übrigens auch Hebammen das Regiment und die Ärzte ordnen sich unter. So entsteht gar kein Druck, sondern alles dreht sich nur um das Wohl der beiden Hauptpersonen. Leider sind nicht alle Krankenhäuser so, nur deswegen werden Schwangere überhaupt mit dieser Entscheidung konfrontiert.

    • letsfindtiggy sagt

      Lieber Sebastian, vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich zu hören und beruhigt mich etwas, dass es auch anders gehen kann. Sollten wir, was derzeit nicht angedacht ist, uns irgendwann noch für ein weiteres Kind entscheiden, würde ich aber trotzdem wieder ins Geburtshaus gehen. Da nun beide Kinder dort zur Welt gekommen sind, fühlen wir uns im Geburtshaus schon beinahe heimisch. Sollten sich jedoch im Vorfeld Komplikationen andeuten, würden wir natürlich auch über ein Krankenhaus nachdenken müssen. Bei normalem Verlauf könnte ich mir aber aus heutiger Sicht eine Abweichung von der bisherigen Wahl eher dahingehend vorstellen, dass ich mein Kind in den eigenen vier Wänden zur Welt bringe.

  2. Ich danke dir für deinen schönen Bericht !
    Ich habe mein erstes Kind ja im Krankenhaus bekommen; obwohl es ein wirklich babyfreundliches (und familienfreundliches ;-)) Krankenhaus war, würde ich doch zuhause oder auch Geburtshaus immer wieder vorziehen.
    Lieben Gruß
    Lena

  3. nicole sagt

    Hallo,
    Dein Artikel kommt für mich genau richtig. Ich bin mit dem 4. Kind schwanger und schon stinke sauer. Nachdem meine drei großen in Ruhe nach dem Termin im Geburtshaus kommen durften und dies auch ausgenutzt haben, soll das vierte nun zum Termin kommen. Natürlich bin ich nun noch mehr unter Zeitdruck nur wegen des Termins und weiß noch nicht wie ich das für mich regeln kann, denn ich will nicht ins Krankenhaus.
    Ich findes es unmöglich, wie hier mit den Hebammen umgegangen wird. Ohne jegliches nachweisbares höheres Risiko wird die Arbeit der freien Hebammen hier eingeschränkt.
    Soll ich mein Kind allein zu Hause bekommen, weil die Hebamme nicht kommen darf? Ich dachte diese Zeiten sind vorbei. Zusätzlich übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Rufbereitschaft nicht mehr, sodass ich nun 600€ zahlen muss. Es kommt also auch noch ein finanzieller Aspekt dazu und das ganze nennt sich dann freie Wahl des Geburtsortes.
    lg Nicole

    • Sabrina sagt

      Liebe Nicole, ich wünsche dir alles Gute für deine Schwangerschaft. Ich bin ja der Meinung, dass das Wichtigste das Wohlergehen von Mutter und Kind ist und dass man da nicht mit starren Fristen agieren sollte. Momentan ist nichts in Planung, aber wenn doch nochmal ein drittes Kind antehen sollte, dann würde ich gerne selbst entscheiden, wo es zur Welt kommt ! Liebe Grüße, Sabrina

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